Piemont
Meine Abenteuer

Piemont

Ein kulinarisches Abenteuer in mitten der prickelenden Asti-Traube und der goldenen Ferrero Nuß!

 

Es ist Anfang April, der Blick aus dem Fenster ist ein Trauerspiel. Nebel, feiner Nieselregen und ein Wind der einen dazu zwingt die Jackenkragen ganz weit aufstellen zu müssen.

Ich steige von meinem Rennrad das seit längerem in der Rolle befestigt ist, der Trainingsreifen sieht wie ein Fremdkörper an meinem Rad aus. Es stört mich, mein Rad und ich sollten frische Luft atmen. Der Adrenalinrausch sollte durch meinen Körper strömen, wenn ich meine Bremsen löse und mich den Berg hinunter stürze.

Verschwitzt, außer Atem, glühend rote Backen und eine aufsteigende Motivation in mir, lassen mich meinen Urlaubskalender checken. Ende April scheint es möglich zu sein um meinen Plan endlich in die Tat umzusetzen. Ich will von Vorarlberg nach Gmunden fahren, um eine liebe Freundin zu besuchen. Kurz, schön und in 3 Tagen möglich. Klingt doch perfekt!

Ich organisiere in den nächsten Tagen das Equipment um so eine Reise machen zu können. Putze mein Rad und bringe es auf Stand, um keine großen Überraschungen erleben zu müssen. Ein paar Tage noch schlafen und dann gehts los, ich bin aufgeregt und nervös. Kann ich alleine so eine Strecke fahren? Hab mir zuviel zugemutet? Und wird das Wetter passen?

Und welch eine Überraschung 2 Tage vor der Abfahrt hat es zu schneien begonnen. Die Strecke ist nicht fahrbar und nur flach kommt für mich definitiv nicht in Frage. 

Genervt liege ich im Bett und nörgle und jammere was Frau zu bieten hat. Mein Freund sagt zu mir in aller Ruhe: Fahr halt woanders hin. Tataraaaa, das war es! Ich fühle mich ein bisschen wie Wicki, der sich um die Nase streift wenn er einen genialen Einfall hatte und durchforste nun das endlose Worldwideweb! 

Die Traumdestination soll für mich alles bieten: flach, bergig, grandiose Kulisse, kulinarisch möchte mein Gaumen auch verwöhnt werden und das wichtigste für mich: es sollte warm sein! Gar nicht so einfach so etwas zu finden, da fliegen für mich nicht in Frage kommt. Ich streife mir um die Nase und höre in meinem inneren den Trommelwirbel und tosenden Applaus für meinen Idee: Piemont, da will ich hin! 10 Minuten später habe ich bereits ein Zimmer im piemontesischen Gebiet gebucht. Die Fotos des Hauses und der Gastfamilie und der klingende Name Trinita in der Provinz Cuneo haben mein Herz höher schlagen lassen.

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Der Adrenalinrausch sollte durch meinen Körper strömen, wenn ich meine Bremsen löse und mich den Berg hinunter stürze.”

Rad und Gepäck ins Auto und los gehts. Bei der Abfahrt wurde ich mit Schneeregen verabschiedet und lachte mir ins Fäustchen, da ich jetzt Richtung Sonne und 22 Grad düse.

Nach 5 Stunden Fahrtzeit hat mich die Sonne in Trinita begrüsst. Nach einer herzlichen und sehr netten Begegnung mit der Gastfamilie, großartigen Radtipps, breche ich nun zu der nahe gelegenen größeren Ortschaft auf um, wie sollte es anders sein, mir eine Pizza zu gönnen.

Ich plane noch meine Tour für morgen und bereite alles auf meinen Garmin vor, Luft in die Reifen, Müsliriegel in die Satteltasche und schon liege ich im Bett!

Es ist 05:50, die Sonne kitzelt meine Nasenspitze und ich erwache sanft aus dem Schlaf. Wowww, welch ein Sonnenaufgang und ich bin überrascht wie fit und motiviert ich mich fühle.

Ich schmeiße mich in Schale, fülle noch Wasser in meine Radflaschen, bevor ich noch einen herrlich duftenden Kaffee mit perfekter Crema mit einem hausgemachten Schokomuffin an der Frühstücksbar genieße.

Piemont

Meine Tour führte mich auf den Spuren des bekannten Barolos bis hinauf auf die Weinhänge des lieblichen, perlenden weißen Asti. Ich lasse bei den auf und Abfahrten die Umgebung auf mich wirken. 

Verträumte, alte italienische Dörfer, geschäftige Weinbauern, Schulkinder die in Reih und Glied singend über den Dorfplatz spazieren. Ja, so stellt man sich Idylle vor. Mich durchströmt ein Gefühl der absoluten Zufriedenheit. Nun in Asti angekommen widme ich mich wieder meiner Lieblingsspeise: Pizza! Ich schnappe mir die Pizzaschachteln und rolle gemütlich in den nächsten Park.

Ein nettes Ciao hier, ein freundliches Ciao Bella da, lassen mich zufrieden in meine Gedanken vertiefen und meine Pause genießen. Frisch gestärkt habe ich nun beschlossen den Weinreben meine kalte Schulter zu zeigen und mich verstärkt der Ferreronuss zuzuwenden. 

Goldene Nuss, wo bist du? Mein Weg führt durch unglaubliche, große Nussplantagen. Aber nicht nur die Farmer haben sich der Nuss verschrieben, sondern auch bei allen Grundstücken standen Unmengen an Haselnussstauden. Fasziniert von der kontrastreichen Umgebung vom Vormittag radle ich nun Serpentine für Serpentine nach Guarene hoch.

 

Die Hitze setzt mir doch etwas zu, da sich mein Körper noch im Wintermodus befindet und dann ist es auch schon passiert. Wasser aus, ich am Limit. Verdammt ich ärgere mich sehr über mich, soetwas sollte mir eigentlich nicht mehr passieren.
Meine Gesichtsfarbe wechselt gefühlt bereits zu purpur und ich denke an einen Bernandiner der im Hochsommer bestimmt nicht so am schnaufen ist, wie ich gerade.

 

Eine alte, freundlich, dreinblickende Dame gießt gerade ihre Blumen auf ihrer Veranda und sie versteht meine Situation sofort. Sie geht flotten Schrittes zurück ins Haus und deutet mir ich solle doch hier warten. Sie kommt mit einer großen Karaffe Eistee zurück und ein Hand voll Haselnüssen! „Mille Grazie, il mio salvavita!!!“ Mit meinem mickrigen italienischen Kenntnissen tauschen wir noch ein paar Sätze aus, fülle meine Trinkflasche mit Wasser und schon bin ich wieder zurück auf der Tour!

 

Guarene, dieser Strapaze lohnt sich vollkommen. Was für ein Schloss und die darum entstandene Altstadt! Schwer beeindruckt über die Architektur und den menschenleeren Gassen mache ich mich nun zur Abfahrt bereit! 16 Kilometer piekfeiner Asphalt mit perfekten angelegten Kurven, meine Bremsen muss ich keine einziges mal verwenden. Yipppey, ich bin im Radlerhimmel!

Auf geht’s nach Richtung Bra. Die Straßen säumten rechts und links so weit das Auge reichte Haselnussstauden. Ich plaudere angeregt mit einem italienischen Rennradradfahrer mit dem ich ein paar Kilometer die Strassen teilen durfte. Er hat Radfahren noch in einer anderen Zeit erlernt! 

Statt Helm waren Sturzringe modern, Ersatzreifen wurden sich um den Oberkörper gewickelt und nach einer gelungenen Ausfahrt sich zur Feier des Tages eine Zigarette angesteckt! 

Während er auf seinem modernen Trek-Rad mit einer beindruckenten Trittfrequenz in die Pedale tritt, erzählt er mir das er mit 81 Jahren noch immer fast jeden Tag und jedem Wetter am Rennrad sitze und seine Passion schuld sei, das er noch fit ist. Darauf kann ich nur sagen: Absolut wahr! Ein Rennradfahrer durch und durch!

 

 

Beschwingt und motiviert verabschiede ich mich und radle mit meinem Tempo wieder zurück zum Quartier! Ich besorge mir noch frische, hausgemachte Nudeln, gesalzene Butter, frische Kräuter und koche mir noch mein Essen! Bevor ich mich dem Schlaf hingebe, genieße ich noch auf der Veranda ein kühles Bier und plane meinen morgigen Tag und lasse den heutigen Tag mit einem großen Grinsen Revue passieren.

Herrlich, mein Blick auf die Uhr verratet mir das es genau 06:00 ist und die Sonne erhellt bereits mein ganzes Zimmer. Ich schlage meine Decke schwungvoll zurück und bin mit einem Satz bereits auf meinen Beinen! 

Rein in meine Radlerwäsche, flott noch schnell ein Stück vom hausgemachten Kuchen essen und einen Kaffee schlürfen und schon sitze ich voller Tatendrang auf meinem Rad!

 

Ursprünglich habe ich heute das Gebirge geplant, aber die meisten Strassen sind laut Gastfamilie noch nicht befahrbar und noch ziemlich stark verschneit. Also heißt für mich die Tour heute im Zeichen das Papstes und der Dome zu machen!

 Mein erstes Stop ist Dogliani. Welch ein prachtvoller Dom mit einer wahnsinnig, schönen großen mit Patina überzogen Kuppel! Atemberaubend was der Mensch bautechnisch alles machen konnte!

 Da es mir aber für eine Pause noch zu früh ist radl ich Richtung Hügellandschaft und Berge weiter. Die Landschaft von gestern ist kaum mehr wahrzunehmen, im Gegenteil, es erinnert mich irgendwie an heimische Mischwälder. Hügel, Bäche, Quellen, Schluchten. 

Die frische Luft sauge ich bis in letzten Winkel meiner Lunge! Herrlich, diese Luft!

“Statt Helm waren Sturzringe modern, Ersatzreifen wurden sich um den Oberkörper gewickelt und nach einer gelungenen Ausfahrt sich zur Feier des Tages eine Zigarette angesteckt!”

Bei einem längeren Anstieg begegne ich wieder heimischen Rennradfahrern und plaudere angeregt über ihr Land und die Radkultur. Nach der Verabschiedung radle ich nach Viccoforte weiter um mir selbst ein Bild über die monumentale Kirche zu machen. 

Die Kirche bzw Dom ist mit einem Wort: unglaublich! Es hat schon etwas anmutiges und beachtliches an sich, aber das ganz Bild wird von den tausenden Touristen gestört! 

Selbst ich wurde vor der Kirche fotografiert und gefragt, ob ich ein typisches italienisches Madl sei.. Echt jetzt?! 

Schnell noch eine Banane und schon geht es für mich weiter. Das ist mir eindeutig zuviel, Touristenansammlungen sind definitiv nichts für mich und machen mich sehr nervös. Nächster Halt: Prato Nevoso! Ich schraube mich Höhenmeter für Höhenmeter den Gipfel entgegen und muss leider abbrechen. 

Der Schnee und die Eisfahrbahn kurz vor dem Ziel sind mir einfach zu heikel. Aber ich muss ja keinen etwas beweisen und entschließe mich umzukehren und romantischen, italienischen Dörfer Frabosa, Villanova Mondovi, Roccaforte abzufahren und dann die Rückreise ins Quartier anzutreten. Jede Ortschaft besitzt ein wunderschöne Kirche mit und ohne Freskenmalereien. Irgendwie sind alle so unterschiedlich und die Vorplätze laden alle zum verweilen ein!

Nach den 2600 Höhenmetern habe ich mir jetzt eine Pizza verdient und lasse den Abend mit einem kühlen Bier und mit Komoot bewaffnet den Abend ausklingen.

“Weingärten, Nußplantagen liegen alle innerhalb einer Autostunde nah beisamen!”

Bitte alles einsteigen, der Express startet um 7:30 zum Meer. Kopfbedeckung, Sonnencreme und vergessen Sie ja nicht Ihre Trinkflasche! So oder so ähnlich geht es manchmal in meinem Kopfkino ab. Bitte alle einsteigen, ist lustig hier! 

Den letzten Tag muss ich nochmal richtig nutzen und entscheide mich für eine Meer Fahrt. Auf den ganzen flachen geplanten Touren ist gepfiffen, wenn das Meer schon so nah ist. 

Also ran an die Ritzel: aufi geht’s! Ich fahre mich 30 Kilometer im flachen ein und habe den ersten Anstieg vor mir! Wowww, rechts und links ein reines Blütenmeer! Rot, violett, saftiges grün und die Sonne die die Farben richtig zum erleuchten bringt, lassen mich vergessen das mir gerade der Schweiß aus allen Poren läuft. 

Ich genieße die Ruhe und die Einsamkeit! Ich schaffe es in den nächsten 2 Stunden keiner Menschenseele und motorisierten Vehikel zu begegnen. 

Für mich persönlich der Traum einer perfekten Ausfahrt. Oben angekommen und gefühlt bereits die Höhenmeter erledigt, packe ich mich in allem ein was ich als Kleidung zur Verfügung habe. Bremsen los und ab gehts und nach 10 Minuten ist schon wieder Schluss. Verdammt, ich habe die Tour nicht richtig im Kopf und habe vergessen das jetzt noch 600 Höhenmeter zu machen sind. 

Ich verpeiltes Genie eben. Macht nichts, mit der Wäsche wieder runter, aufs kleine Blatt und rauf geht’s! Landschaftlich fühle ich mich wie zu Hause, aber die ersten Möwen lassen mich erahnen dass das Meer nicht mehr weit sein kann.

 Das ganze wieder von vorne, Kleidung an und ab gehts Richtung Meer. Wahnsinn, perfekter Asphalt, lang angelegte Kurven, das Tor zur See und 41 Kilometer später, befinde ich mich mit einem Stück Kuchen und Espresso in der Hand in Finale Ligure! 

O’lala meeeeer, wie sehr habe ich diesen Geruch und das Geräusch vermisst! Jetzt geht es die beeindruckende Küstenstraße entlang nach Savona. Zur rechten befindet sich das Meer und  zur linken Felswände und unzählige Kletterer die ihre trainierten Rücken der Nachmittagssonne entgegen Strecken! 

Noch schnell einen Kaffee und dann geht’s mit dem Zug zurück nach Trinita! Was für ein Tag und ich lasse den letzten Abend noch gemütlich mit einen Bier und einer großen Pizza ausklingen. 

 

Ciao Bella PIEMONT, wir sehen uns bestimmt bald wieder! 

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"Piemont eignet sich sehr gut im Frühjahr oder auch im Herbst. Für Kulturfreaks: Unbedingt den größten Markt Europas in Turin besuchen!"
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Gramm Käsknöpfle verbrannt

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